Klima und Inklusion - Arbeit im Freien

Klimaschutz und Inklusion (I): Interview mit Luisa Neubauer über Demokratie, Teilhabe und Klimawandel

11. Juni 2026

  • Luisa Neubauer ist eine der bekanntesten Stimmen der Klimabewegung in Deutschland. 
  • Mit Fridays for Future setzt sie sich dafür ein, dass Klimaschutz politisch ernstgenommen wird. Und dass Menschen erleben: Sie können etwas bewegen. 
  • Mit uns hat sie darüber gesprochen, warum Klimaschutz zur Demokratie gehört, weshalb Wissen allein nicht reicht und warum Beteiligung barrierearm gedacht werden muss.

Was hat Klimaschutz mit Demokratie und Teilhabe zu tun?

Klimaschutz ist demokratisch vorgesehen. Unsere Regierungen müssen Menschen schützen. Das ist eine verfassungsmäßige, demokratische Pflicht. Die Idee, zu viel Klimaschutz sei undemokratisch, stimmt deshalb nicht. Ganz im Gegenteil: Wenig oder kein Klimaschutz widerspricht demokratischen Grundsätzen. Wir haben auch nicht die Wahl zwischen Klimaschutz und keinem Klimaschutz. Wir haben die Wahl zwischen Klimaschutz und Klimakrise. Wenn wir nicht handeln, werden wir Krisen erleben, die wir demokratisch nicht auffangen können.  

Ein einfaches Beispiel sind Hochwasser. Viele Städte in Deutschland wurden in einer Zeit gebaut, in der es nicht so viele extreme Wetterereignisse gab. Abwassersysteme sind oft nicht darauf ausgelegt, solche Wassermassen aufzunehmen. Dann laufen Anlagen über, Straßen und Gebäude werden geflutet. Und wer liegt häufig im Erdgeschoss? Zum Beispiel eine bettlägerige Person im Krankenbett. Solche Krisen treffen Menschen nicht gleich. Und sie werden politisch genutzt. Rechtspopulisten und Demokratiefeinde können Verunsicherung und Katastrophen sehr gut bewirtschaften. Sie machen daraus ihre Erzählungen. Wenig Klimaschutz treibt Menschen in Krisen. Und in solchen Krisen sammeln Populisten sie ein.

Guter Klimaschutz braucht deshalb das Gegenteil: Menschen, die mitreden. Wir brauchen gute Lösungen für Kommunen, Betriebe, Unternehmen, Schulen und den Alltag der Menschen. Dafür müssen Entscheidungsträger wissen: Was sind eigentlich die konkreten Herausforderungen vor Ort? Damit wir eine Chance auf guten Klimaschutz haben, sind wir auf die Breite angewiesen. Auf Menschen, die mitmachen.

Luisa Neubauer - Foto (c)  Anna Sommer

Viele Menschen sind müde von Krisenthemen. Wie spricht man über Klimaschutz, ohne zu belehren oder zu beschämen?

Ich glaube nicht, dass der Anspruch sein muss, so über Klima zu reden, dass niemand mehr etwas fühlt. Wenn ein Thema Gefühle auslöst, ist das nicht automatisch schlecht. Es zeigt ja auch: Man ist empfindsam, man öffnet sich. Natürlich fragen sich Menschen dann vielleicht: Wie habe ich mein Leben verbracht? Hätte ich früher etwas machen sollen? Dieses Nachdenken ist erst einmal etwas Gutes. Wichtig ist nur, dass man Menschen nicht mit einem schlechten Gefühl alleinlässt und sagt: Jetzt fühl dich mal schlecht.

Es geht nicht darum, was jemand früher gemacht hat. Es geht darum, was wir jetzt tun. Man muss Wissen mit Handeln verbinden. Wir sagen immer: Wissen ist Macht. Aber in der Klimakrise ist Wissen allein eher Ohnmacht. Wenn wir wissen, was passiert, aber nicht wissen, was wir tun können, fühlen wir uns nur überwältigt. Dann sehen wir überall den Weltuntergang, aber nirgends, wo die Sonne aufgeht.
 

Wenn nun jemand bei Mosaik sagt: „Ich will meinen Teil beitragen, aber ich habe im Alltag schon genug um die Ohren.“ Was wäre realistisch?

Viele Menschen denken bei Alltagstipps zuerst an Konsum. Kein Fleisch essen, Fahrrad fahren, wenn man kann. Das ist alles gut. Ich freue mich über jede Person, die sich bemüht. Aber die wichtigsten Hebel sind nicht nur Entscheidungen wie die zwischen Tofu und Schnitzel. Die erste Frage ist: Wo arbeite ich? Und kann ich im Rahmen meiner Arbeit etwas tun? Gibt es eine Arbeitsgruppe im Betrieb, die sich um Nachhaltigkeit kümmert? 

Haben wir schon einmal gemeinsam darüber gesprochen, wie wir uns als Organisation in Sachen Nachhaltigkeit verstehen? Die Idee, wir machen alles wie bisher und zusätzlich noch etwas fürs Klima, funktioniert nur begrenzt. Wir können nicht ehrenamtlich eine Krise lösen, die wir hauptamtlich voran
treiben. Wir brauchen Menschen, die im Rahmen ihrer Arbeit überlegen: Wie machen wir das anders? Das gilt auch für Menschen, die noch nicht arbeiten oder sich beruflich neu orientieren. Dann kann man sich fragen: Wo lasse ich mich ausbilden? Welche Arbeit will ich einmal machen? In welchem Bereich möchte ich meine Zeit und meine Fähigkeiten einsetzen? Das hat auch mit Respekt zu tun. Wir verbringen so viel Zeit auf der Arbeit. Da sollte es möglich sein, nicht gegen die eigene Zukunft und nicht gegen die Zukunft unserer Kinder zu arbeiten.

Ein zweiter Punkt ist: sich engagieren. Das muss nicht sechs Tage die Woche sein. Vielleicht ist es ein Treffen an einem Sonntagnachmittag. Vielleicht geht man mit einer Freundin oder einem Freund hin. In Krisen fühlt man sich oft sehr allein. Deshalb lohnt es sich, darüber zu sprechen und sich mit 
anderen zusammenzutun.

Und drittens geht es natürlich um Demokratie: Gehe ich auf die Straße, wenn es Proteste gibt? Wähle ich im Sinne der Zukunft oder wähle ich aus Gewohnheit? Habe ich mich informiert und richtig hingeschaut? Das ist ein demokratischer Auftrag.
 

Was können Organisationen und Unternehmen wie Mosaik tun, um ihren Beitrag zu leisten?

Organisationen müssen zunächst ihre eigene Nachhaltigkeit in den Blick nehmen. Auch Institutionen müssen sich fragen: Wie können wir nachhaltig existieren? Wie funktioniert Kreislaufwirtschaft bei uns? Was können wir konkret verändern? 

Gleichzeitig haben Institutionen eine große Stimme. Sie werden anders gehört als eine Einzelperson oder auch eine Bewegung. Deshalb ist es ein großer Mehrwert, wenn Institutionen sich zusammentun. Gemeinsame Appelle haben politisch mehr Gewicht. Das ist aus meiner Sicht eine Wahnsinns
möglichkeit und auch eine Verantwortung, sich als Institution zu überlegen: Wie können wir uns einbringen?
 

Du prägst Fridays for Future Deutschland seit Jahren mit. Wie erlebt und ermöglicht ihr die Beteiligung von Menschen mit Behinderungen bei zum Beispiel euren Demos?

Für uns ist es eine Priorität, dass Menschen mit Behinderungen sich bei Protesten willkommen fühlen. Bei größeren Demonstrationen arbeiten wir zum Beispiel mit Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetschern. Wir haben abgesperrte Zonen für Rollstühle. Und wir versuchen, Menschen mit einge
schränkter Mobilität mitzudenken. Das gilt auch für ältere Menschen und für kleine Kinder. Gleichzeitig ist es bis heute aufwendig, barrierearme Räume zu finden, in denen wir uns treffen können. 

Menschen mit Behinderungen wissen das oft viel besser als wir. Was wir aber stark nutzen, sind digitale Formate. Viele Treffen sind offen. Man kann sich digital zuschalten und braucht keine besondere Qualifikation, um mitzumachen. Barrierefreiheit ist für uns aber nicht nur eine Frage der Organisation. Sie gehört auch inhaltlich zur Klimadebatte. Denn die Klimakrise zeigt sehr deutlich, dass Menschen nicht alle die gleichen Möglichkeiten haben, sich zu schützen oder Hilfe zu bekommen. 

Das hat sich auch bei der Flut im Ahrtal gezeigt. Dort war eine Einrichtung für  Menschen mit Behinderungen massiv betroffen. Für mich macht das deutlich: Menschen, die in Krisen besonders auf Unterstützung angewiesen sind, werden strukturell oft übersehen. Das ist eine der großen Ungerechtigkeiten der Klimakrise. Besonders betroffen sind häufig diejenigen, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Deshalb finde ich es ungerecht und unerträg lich, wenn die Klimakrise als privilegiertes Problem dargestellt wird. Betroffen sind gerade auch Menschen mit den allerwenigsten Privilegien.
 

Hin und wieder wird von „Öko-Ableismus“ gesprochen. Gemeint ist: Manche Klimatipps sind nicht für alle Menschen möglich, zum Beispiel Fahrradfahren.  Beschäftigt ihr euch damit?

Ja, und genau deshalb sind wir vorsichtig mit pauschalen Aussagen. In einer nicht nachhaltigen Welt ist nachhaltiges Leben oft ein Privileg. Ich habe vorin bewusst gesagt: Fahrrad fahren, wenn man kann. Das ist wichtig. Denn Klimaschutz darf nicht so erzählt werden, als gäbe es nur eine richtige Art, sich einzubringen. 

Für mich liegt die stärkere Lösungdeshalb in der Infrastruktur. Eine barrierearme Stadt hilft nicht nur Menschen im Rollstuhl. Sie hilft auch Kindern, älteren Menschen, Menschen mit Kinderwagen und Fahrradfahrenden. Eine Politik, die Menschen mit Behinderungen von Anfang an mitdenkt, ist eine Politik, von der alle profitieren.

Genau das gilt auch für Klimaschutzmaßnahmen, die auf den ersten Blick für alle gut sind. Das 9-Euro-Ticket war für viele Menschen ein Gewinn. Gleichzeitig waren Bahnhöfe und Züge teilweise so voll, dass sie für manche Menschen mit körperlichen Einschränkungen schwerer nutzbar wurden. 
Das zeigt: Auch gute Lösungen müssen barrierefrei gedacht und praktisch überprüft werden. Sonst sagt man zwar: Alle können mitmachen. Aber dann eben doch nicht alle. Was ist das für ein Verständnis von Demo
kratie?
 

Wenn Menschen bei Fridays for Future mitmachen möchten: Was ist der beste Weg?

Das hängt stark von der lokalen Gruppe ab. Wer zu einem Plenum kommen oder digital dabei sein möchte, fragt am besten direkt bei der Ortsgruppe nach. Informationen findet man auf der Website. Bei Protesten kündigen wir über Social Media an, welche Angebote es vor Ort gibt. 

 MITMACHEN & WEITERDENKEN

Fridays for Future Berlin informiert über Treffen, Aktionen und Möglichkeiten zum Mitmachen: 

www.fridaysforfuture.berlin

Mehr zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz bei Mosaik finden Sie im Beitrag Klimaschutz  bei Mosaik: Was wir heute schon tun auf Seite 12. des Magazins "Klimaklusion". (Verlinkung)

Ideen, Fragen oder Hinweise  senden Sie gern an:  

nachhaltigkeit@mosaik-berlin.de

Woran würden wir in einem oder zwei Jahren merken, dass Klimaschutz Menschen eher zusammenbringt, statt zu spalten?

Ich würde der These erst einmal widersprechen. Nicht der Klimaschutz spaltet, sondern die Debatten, die darüber geführt werden. Oft von Demokratiefeinden und Populisten, die das Thema missbrauchen, um Menschen einseitig Angst zu machen. Die größere Spaltung entsteht durch die Klimakrise selbst. Krisen überlasten Gesellschaften sehr schnell. Sie greifen irgendwann ins Private ein. Das kennt man auch aus Familien, wenn es schwere Krankheiten oder Pflege gibt: Mit Glück wird man im Familienverbund aufgefangen. Aber solche Belastungen können Menschen auch gegen
einander aufbringen.

Gleichzeitig sehen wir schon jetzt, dass  Menschen zusammenkommen. Bei den letzten Demonstrationen waren alle Generationen auf der Straße: Großeltern, die früher  gegen Atomkraft demonstriert haben. Eltern, die ihren Kindern eine gute Zukunft wünschen. Junge Menschen, die in nachhaltigen Technologiebereichen arbeiten wollen. Auch neue Gruppen sind selbstverständlich geworden, etwa Architects for Future oder Menschen aus dem Gesundheitsbereich, die sich mit Klimafolgen beschäftigen. Ich glaube, man muss nicht zwei Jahre auf die Zukunft warten. Man kann jetzt schon sehen, 
dass da vieles zusammenkommt.
 

Was gibt dir Hoffnung, obwohl die Lage ernst ist?

Ich habe in der Schule ein Praktikum in einer Tagesstätte für Menschen mit Behinderungen in Hamburg gemacht. Das war für mich sehr prägend. Ich hatte vorher nicht so viele Berührungspunkte mit Menschen mit Behinderungen und wollte lernen, wie gute Unterstützung praktisch aussieht.

Was mich dort beeindruckt hat: Man geht morgens hin, und das Beste, was man tun kann, ist, dass die Menschen, die an diesem Tag da sind, einen guten Tag haben. Niemand würde sagen: Das lohnt sich nicht, weil nicht überall alles gut läuft. Niemand würde aufhören, sich hereinzuhängen, nur weil man nicht alles erreicht. Man macht es für diesen Tag.

Genauso sehe ich Klimaschutz. Man macht es für jedes einzelne Kind, das bessere Luft atmen kann. Für jede Person, die nicht unter einer Hitzewelle leiden muss. Auch für Menschen, die gegen Klimaschutz wettern, weil ich auch ihnen wünsche, dass sie nicht in der Klimakrise leiden. In der Klimakrise 
müssen wir das große Ganze sehen. Aber wir dürfen darüber das Kleine nicht vergessen.

Hier geht es zum neuen Mosaik Magazin Klimaklusion mit vielen Themen und Meinungen zum Klimaschutz!

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