Klimaschutz und Inklusion (II): Interview mit Jürgen Dusel – alle Menschen haben ein Recht auf Klimaschutz
16. Juni 2026
Jürgen Dusel ist seit 2018 Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Im Juni 2025 wurde er erneut in das Amt bestellt. Im Gespräch erklärt er, warum Klimafolgen, Krisenvorsorge und Barrierefreiheit zusammengehören. Und was Politik, Verwaltung und soziale Einrichtungen jetzt tun müssen.
Herr Dusel, Sie sprechen seit 2022 verstärkt über Klimawandel, Hitzeschutz und Vorsorge. Warum ist das Thema damals für Sie wichtig geworden?
Der Klimawandel ist Realität. Ein entscheidender Anlass war für mich die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal 2021. Damals kamen mehr als 100 Menschen ums Leben, darunter auch viele Menschen mit Behinderungen. Dieses Hochwasser war wahrscheinlich eine Folge des Klimawandels. Dazu kommt: Auch international spielt das Thema eine große Rolle, gerade im globalen Süden. Deshalb haben mein Team und ich 2022 im Rahmen der deutschen G7-Präsidentschaft erstmals ein Treffen zur Situation von Menschen mit Behinderungen mit den Beauftragten der sieben führenden Industrienationen organisiert.
Woran zeigt sich, dass Menschen mit Behinderungen von den Folgen des Klimawandels besonders betroffen sein können?
Das zeigt sich besonders dort, wo Menschen ohnehin benachteiligt sind. Im globalen Süden leben viele Menschen mit Behinderungen unterhalb der Armutsgrenze. Bei Überschwemmungen oder Dürre können sie oft nicht so schnell fliehen oder sich schützen. Ähnliches sehen wir auch in bewaffneten Konflikten: Menschen mit Behinderungen haben oft schlechteren Zugang zu Schutzräumen und Schutzsystemen. Daran wird deutlich, dass sie in Krisenlagen besonders gefährdet sind.
In politischen Debatten fällt oft der Begriff Klimagerechtigkeit. Was bedeutet das konkret für Menschen mit Behinderungen?
Für mich heißt das: Menschen mit Behinderungen müssen im gleichen Maße Zugang zu Informationen über den Klimawandel haben, zu Prävention, zu Bildung und Fortbildung. Und natürlich auch zu Schutzsystemen, wenn konkret etwas passiert. Barrierefreiheit ist dabei ein zentrales Thema. Und es geht auch darum, dass Helferinnen und Helfer die besonderen Belange von Menschen mit Behinderungen kennen. Letztlich geht es darum, dass alle die
gleichen Rechte auf Schutz haben.
Hat sich das Bewusstsein in Politik und Gesellschaft in den letzten Jahren verändert?
Im politischen Bereich ja – insbesondere auch im Regierungsbereich. Wir sehen zum Beispiel, dass das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Informationen in Leichter Sprache anbietet und seine Materialien zugänglicher macht. Auch in der Anpassungsstrategie der Bundesregierung von 2024 ist das Thema Menschen mit Behinderungen aufgenommen worden. Und bei Warnungen, Warnsystemen und Apps ist das Bewusstsein für Barrierefreiheit gewachsen. Das ist ein Fortschritt, auch wenn es noch Luft nach oben gibt.
Wenn wir in Europa auf die aktuelle Lage schauen, wird außerdem deutlich: Auch in Deutschland braucht es mehr Schutzräume. Dann wird es sehr wichtig sein, dass diese Schutzräume für Menschen auch mit Mobilitätseinschränkungen zugänglich sind. Ebenso wichtig ist, dass Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen wissen, wo diese Schutzräume sind. Das Thema wird uns also weiter begleiten. Gesellschaftlich ist das Bild gemischter. Es gibt immer noch Menschen, die den menschengemachten Klimawandel leugnen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass Menschen mit Behinderungen Zugang zu unabhängigen und neutralen Informationen haben. Damit sie sich selbst ein Bild machen können und nicht irgendwelchen Agitationen vom rechten Rand ausgesetzt sind.
Was muss bei Katastrophen oder extremen Wetterlagen passieren, damit Menschen mit Behinderungen gut geschützt sind?
Menschen mit Behinderungen müssen die gleichen Systeme und Strukturen vorfinden wie Menschen ohne Behinderungen, aber passend zu ihren Bedürfnissen. Das beginnt bei rechtzeitigen und verständlichen Informationen, etwa in Leichter Sprache oder Gebärdensprache. Es geht weiter mit der Frage, wie Rettungsdienste mit Menschen kommunizieren, die sich nicht mit Worten verständigen können oder eine schwere intellektuelle Beeinträchtigung haben.
Dafür braucht es Fortbildung und Sensibilisierung.Wichtig ist aber auch die Zeit nach einer Katastrophe. Wenn Infrastruktur wieder aufgebaut wird, müssen Menschen mit Behinderungen und ihre Verbände systematisch beteiligt werden. Etwa beim öffentlichen Nahverkehr oder bei Einrichtungen. Der Grundsatz „Nichts über uns ohne uns“ gilt hier unmittelbar. Menschen mit Behinderungen sind Expertinnen und Experten in eigener Sache.
Wie weit sind wir heute bei barrierefreien Warnsystemen und verständlicher Krisenkommunikation?
Wir sind weiter als noch vor fünf oder zehn Jahren. Das muss man klar sagen. Bei Warn-Apps wie NINA gibt es Fortschritte, etwa bei der Nutzbarkeit mit Screenreadern oder durch Vibrationsalarm. Aber ausreichend ist das noch nicht. Gerade für Menschen, die auf Gebärdensprache angewiesen sind, fehlen in konkreten Situationen oft noch passende Informationen. Auch hier gilt also: Es hat sich etwas verbessert, aber es bleibt weiterer Handlungsbedarf.
Was können Einrichtungen und Träger selbst tun, um Menschen bei Hitze, Starkregen oder anderen Klimafolgen besser zu schützen? Und wo brauchen sie Unterstützung durch Politik und Verwaltung?
Einrichtungen haben ohnehin die Aufgabe, Sicherheit zu schaffen – und dies muss natürlich partizipativ geschehen. Deshalb ist es sinnvoll, innerhalb der Einrichtungen konkrete Strategien zu entwickeln, zum Beispiel für den Hitzeschutz. Das kennen wir aus der Altenpflege, und das ist auch in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen und besonderen Wohnformen wichtig. Dazu gehören Aufklärung, verständliche Informationen und ganz praktische Maßnahmen: genug trinken oder kühlere Räume kennen.
Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass zusätzliche Aufgaben, die mit dem Klimawandel verbunden sind, auch finanziell abgesichert werden müssen. Das muss sich in den Vereinbarungen widerspiegeln – ganz konkret auch in Kostensatzverhandlungen mit den Trägern der Eingliederungshilfe. Ich könnte mir vorstellen, dass das ein Diskussionsprozess wird. Aber ich halte es für so wichtig, dass diese zusätzlichen Anforderungen auch in den Vereinbarungen abgebildet werden müssen.
Für soziale Einrichtungen waren Förderprogramme für Klimaanpassung ein wichtiger Hebel. Nun werden 2026 keine neuen Mittel mehr vergeben. Wie bewerten Sie das?
Ich halte es für erforderlich, dass diese Förderung wieder aufgegriffen wird. Ich werde dafür werben und hoffe, dass 2027 wieder entsprechende Mittel zur Verfügung stehen. Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen ist kein Nebenthema, sondern notwendig.
Sie sprechen auch über die Situation von Menschen mit Behinderungen in bewaffneten Konflikten. Warum gehört dieses Thema für Sie zur Krisenvorsorge dazu?
Weil sich die Zeiten verändern. Wenn wir über Krisenvorsorge und Schutzstrukturen sprechen, müssen wir auch die Situation von Menschen mit Behinderungen in bewaffneten Konflikten mitdenken. Die Menschen in der Ukraine erleben sehr konkret, was es bedeutet, wenn ein Familienmitglied mobilitätseingeschränkt ist, wenn es um Schutzräume, Binnenflucht oder Flucht ins Ausland geht. Ich finde, wir sind gut beraten, in Deutschland bei der Verbesserung des Zivilschutzes die Perspektive von Menschen mit Behinderungen selbstverständlich mitzudenken. Und ich möchte das
Thema auch international weiter platzieren.
Was muss in den nächsten Jahren vor allem erreicht werden, damit Menschen mit Behinderungen beim Klimawandel und seinen Folgen besser geschützt und einbezogen werden?
Wir müssen barrierefreie Strukturen weiter stärken. Dazu gehören Bildung, Information und Prävention. Menschen mit Behinderungen müssen wissen, was geschehen kann und wie sie sich verhalten können. Gleichzeitig müssen auch die professionellen Akteure – in Einrichtungen, in Unterstützungsstrukturen und im Bevölkerungsschutz – gut geschult sein, damit sie die Belange von Menschen mit Behinderungen erkennen und angemessen berücksichtigen.
Und wir brauchen valide Daten. Wir wissen noch viel zu wenig darüber, wie sich der Klimawandel konkret auf Menschen mit Behinderungen auswirkt. Diese Daten brauchen wir, um wirksame Maßnahmen zu entwickeln. Und all das ist keine Frage der Fürsorge, sondern eine Frage von Rechten. Menschen mit Behinderungen haben denselben Anspruch auf Schutz wie alle anderen auch.
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