30 Jahre BFB Ulmenallee: Teilhabe an einem historischen Ort
5. Juli 2026
Ein besonderer Ort im Charlottenburger Westend
Als ich an diesem Nachmittag im späten Frühling die Ulmenallee hinunterlaufe, sehe ich das Haus schon von weitem. Der gelb-ockerfarbene Klinker, die Jugendstilelemente und die vielgestaltige Dachlandschaft machen sofort klar: Dieses Gebäude hat eine lange Geschichte.
Die Vorbereitungen laufen noch, aber bald werden im Garten die Gläser klingen, es wird nach Grillgut und Pizza aus dem Lehmofen duften, der im Garten steht. Für mich als Pizza-Fan ist dieser Ofen eine Attraktion, die sofort ins Auge sticht. Und irgendwo wird noch schnell für die Pantomime geprobt.
Das Sommerfest zum 30. Geburtstag des Mosaik-Standorts Ulmenallee beginnt gerade erst, aber ich habe sofort das Gefühl, dass das ganze Haus einbezogen ist – und viele weitere Menschen, die mit Mosaik-Berlin verbunden sind.
Fast 200 Jahre Geschichte und inklusiver denn je
30 Jahre Ulmenallee – das stimmt. Gefeiert wird das 30-jährige Bestehen des Mosaik-Standorts seit 1996. Doch das Haus selbst hat viel mehr bewegte Jahre erlebt. Und die Geschichte des Standorts reicht noch weiter zurück. Schon an der Fassade ist das abzulesen: An der Straßenseite befindet sich ein Relief mit einem Rosenstock und dem Schriftzug „Stiftung Luisens Andenken“.
Die Stiftung „Luisens Andenken“ ist seit 1840 belegt. Das heutige Gebäude wurde 1904 bis 1905 nach Entwürfen des Architekten Rudolf Walter auf dem Grundstück Ulmenallee 50/Eichenallee 45 errichtet. Die Gestaltung als Stadtvilla und nicht als „kasernenartiger Fürsorgebau“ war eine bewusste Entscheidung. Noch heute sieht man, wie sehr sich dieser Entwurf in die damals entstehende Villenkolonie Westend einfügen wollte. Mittlerweile ist es beinahe ein Artefakt. In der Umgebung sind nicht mehr viele Häuser im Originalzustand erhalten.
Wer davorsteht, begreift jedoch den Grundgedanken seiner Erbauer sofort. Das Haus liegt in einem parkähnlichen Gelände. Erker, Loggien, Fachwerkapplikationen, Pergola, Sonnenuhr und Gartenportal vermitteln dem Bau eher den Charakter einer gehobenen privaten Behausung als den eines früheren Heims.
Damals bot das Gebäude bis zu 60 Kindern ein Zuhause in Familiengruppen. Jungen und Mädchen wurden vor allem zum Schlafen getrennt, es gab große Aufenthaltsräume und Isolierzimmer für ansteckend erkrankte Kinder. Bis 1972 wurde das Haus als Kinderheim der Stiftung genutzt, danach als Jugendwerkheim beziehungsweise Jugendheim und seit 1996 von Mosaik als Standort des Beschäftigungs- und Förderbereichs.
Heute können dort bis zu 69 Menschen mit komplexen Behinderungen in 15 Gruppen begleitet werden. Unterstützt werden sie von etwa 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: Sie sind in der Gruppenleitung, im begleitenden Dienst, in der Therapie, im Freiwilligendienst sowie in weiteren Bereichen tätig.
Teilhabe und Teilgabe im Kiez
Als Standortleiter Marco Obermeier die Gäste begrüßt, wirkt das angenehm unprätentiös. Er führt durch das Programm, kündigt Hausführung, Pizza und Theater an und bringt das Fest damit sehr nah an die Menschen, die diesen Ort ausmachen. Danach übernimmt Bereichsleiter Thomas Franke. Seine Rede erweitert den Rahmen dieses festlichen Jubiläums.
Thomas Franke hebt hervor, dass die Ulmenallee seit vielen Jahren ein Ort ist, an dem Menschen willkommen sind und ihren Platz finden. Er spricht über Teilhabe, aber auch über „Teilgabe“ – also darüber, dass Menschen nicht nur dabei sind, sondern sich sichtbar einbringen und einen Beitrag leisten können. Dieser Gedanke trägt den Standort und macht ihn für die Öffentlichkeit verständlich.
Denn die Ulmenallee ist kein stiller Rückzugsort. Es gibt Gruppen mit Schwerpunkten wie Kochen, Keramik, Seifenherstellung, Kerzenproduktion, Häkeln, Stricken, Musik, Theater, Fußball, Bewegung und Kreativarbeit. Dazu kommen begleitende Angebote und alltagsnahe Lernformen. Einmal im Monat wird im Speisesaal sogar ein eigenes Kino organisiert – mit Leinwand, Popcorn, Eintrittskarten und Kasse.
Bei der Hausführung bekomme ich einen sehr direkten Eindruck. In einem Raum wird gekocht, im nächsten gegossen, gebastelt, gewaschen oder sortiert. Überall ist sichtbar, dass die Gruppen individuell arbeiten und sich an den Fähigkeiten, Interessen und Entwicklungsmöglichkeiten der Teilnehmenden orientieren.
Vieles spielt sich in der Nachbarschaft ab. Der BFB Ulmenallee ist viel im Kiez unterwegs: Müll sammeln, Stolpersteine pflegen, Bäume bewässern, eine neu eingerichtete Bücherbox in Kooperation mit der evangelischen Kirchengemeinde betreuen, einen Garten mit der Bürgerinitiative Ruhwald pflegen oder mit einer Kita kooperieren – all das gehört hier zum Alltag. Was Thomas Franke in seiner Rede als Teilgabe beschreibt, erhält auf diese Weise einen sehr konkreten Sinn.
Das Fest der Begegnungen
Draußen trägt das Sommerfest diese Haltung weiter. Im Garten sitzen Angehörige, Nachbarinnen und Nachbarn, frühere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie aktuelle Teilnehmende beieinander. Es gibt Kaffee und Kuchen, einen Basar, eine Tombola, Sport- und Bastelangebote, später die Aufführung der Theatergruppe in Form von Tanz-Pantomime und im weiteren Verlauf des Nachmittags die Pizza aus dem Lehmofen. Drei Begleithunde – Milla, Rosi und Sunny – gehören ebenfalls zum Standort.
Mit einem Gruppenleiter kann ich einen lebendigen Austausch führen und Menschen, die bereits hier gearbeitet haben, bevor Mosaik den BFB-Standort eingerichtet hat, lerne ich kennen. Sie haben bei Mosaik weitergemacht und sind jetzt im Ruhestand. Solche Begegnungen machen den historischen Hintergrund erfahrbar. Das Haus ist nicht nur ein Baudenkmal. Hier spiegelt sich die Geschichte der sozialen Orte Berlins. Waisenhaus, Jugendhilfe, Eingliederungshilfe, Beschäftigungs- und Förderbereich. Wer hier beim Sommerfest im Garten steht, steht nicht einfach vor einer ehrwürdigen alten Fassade. Er steht in einem Haus, das seine Aufgabe mehrfach verändert hat und seinem sozialen Kern doch treu geblieben ist.
Bei einem Haus, das mehr als 120 Jahre alt ist, kann nicht alles ideal im Sinne moderner Barrierefreiheit sein. Das denkmalgeschützte Gebäude bringt bauliche Grenzen mit sich: enge Treppen, schwierige Wege mit oftmals unebenen Stufen. Aber gerade deshalb fällt auf, wie viel Einfallsreichtum, Zugewandtheit und praktische Erfahrung hier zusammenkommen, um Teilhabe für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen konkret werden zu lassen.
Als am späten Nachmittag die letzten Pizzen aus dem Ofen kommen und die Theatergruppe ihren Auftritt hat, wirkt die Ulmenallee zugleich vertraut und offen. Das Haus erzählt seine Geschichte nicht museal, sondern im laufenden Betrieb – durch seine Bestimmung als inklusiver Ort mit begleitenden Angeboten, Mitbestimmung und durch das sichtbare Miteinander an diesem Tag.
30 Jahre Mosaik in der Ulmenallee sind deshalb mehr als ein Jubiläum. Sie zeigen, wie ein historischer Ort in der Gegenwart, in einem bewegten Hier und Jetzt bestehen kann: nicht als Kulisse, sondern als Arbeits- und Lebensort, an dem Inklusion praktisch wird – im Haus, im Garten und draußen im Kiez.
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