46 Jahre bei Mosaik: Thomas Müller vom Gärtnerhof Charlottenburg
2. Februar 2026
Aus dem Mosaik Magazin 2025/2 zum 60-jährigen Jubiläum von Mosaik
Der Mann, der nicht nur sägen kann.
46 Jahre bei Mosaik. Niemand war bisher länger dabei als Thomas Müller. Ein Bericht von einem Treffen auf dem Gärtnerhof Charlottenburg.
An einem eisigen, grauen Januartag sitze ich am Computer und denke an das vergangene Jahr. Mein Jahr bei Mosaik. Wann zuvor hatte ich so viele nette, interessante Menschen in so kurzer Zeit kennengelernt? Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um meine schönen Momente des Jahres in Erinnerung zu rufen, in dem Mosaik 60 Jahre alt wurde.
An einem sonnigen Oktobertag erreiche ich gegen 10 Uhr den Gärtnerhof Charlottenburg. Es könnte ein Tag im frühen September sein, so warm ist es noch. Doch auf den Feldern ruht die Arbeit, daran sieht man, es ist bereits Herbst. Die Ernte ist eingefahren. Die geraden, wie mit dem Lineal gezogenen Furchen werden im kommenden Jahr wieder von den Früchten des Feldes verdeckt sein. Im Hofladen werde ich freundlich begrüßt, man sagt mir, in welchem Gewächshaus ich Thomas Müller finde.
Kalt war das Wetter damals sicher auch. An jenem 1. Januar 1979, als Thomas bei Mosaik anfing. Er ist der Beschäftigte, der am längsten bei Mosaik ist. 46 Jahre, das weiß ich bereits. Normalerweise währt ein Arbeitsleben nur bis zu 45 Jahre. Vielleicht erfahre ich von ihm etwas über das Geheimnis von Mosaik. Mir ist aufgefallen, dass sehr viele Menschen, Beschäftigte und Mitarbeiter, schon sehr lange hier arbeiten. Aber niemand ist so lange dabei wie er.
In dem hellen, freundlich wirkenden Gewächshaus sägt ein stattlicher Mann in den besten Jahren am Ast eines Baumstumpfs. Präzise, mit viel Gefühl für das Material macht er das, die Oberflächen der abgesägten Stücke sind ganz eben.
Sonst ist niemand hier, also ist klar, wer vor mir steht und innehält, als er mich bemerkt. Ohne Umschweife sagt er: „So entstehen Kerzen-Untersetzer.“ und ergänzt: „Die Stümpfe stammen von Sturmschäden.“
Der Leiter der Gruppe, in der Thomas arbeitet, kommt hinzu. Zu dritt setzen wir uns in einen Bürocontainer nahe dem Gewächshaus.
Dort erfahre ich mehr über den Mann, der nicht nur sägen kann.
Schnell wird aber klar, dass Holz sein Lieblingswerkstoff ist. Zumindest, wenn die Feldarbeit ruht, wie jetzt. Thomas liebt es, wunderschöne Skulpturen und Vogelhäuser zu schnitzen. Und er fertigt Adventskränze aus Zweigen der Nordmanntanne an. „Große Kränze, bis 120 Zentimeter Durchmesser!“ Mit einem verschmitzten Lächeln ergänzt er: „Die passen nicht auf den Wohnzimmertisch.“ Sie sind zum Aufhängen gedacht, für die Eingangshallen und Gemeinschaftsräume verschiedener Einrichtungen in Berlin. Aber die kleineren, für zu Hause, die macht er auch gerne, versichert er.
Schade, dass die Vorweihnachtszeit vorbei ist. Sonst hätte ich schreiben können: Im Hofladen gibt es den Adventsverkauf, dort können Sie Produkte erwerben, die von Thomas stammen. Und vielleicht treffen Sie ihn selbst an. Aber die festliche Zeit wird wiederkommen, und – vielleicht gibt es neue schöne Dinge, die Thomas hergestellt hat.
Vielleicht? „Thomas entscheidet von Jahr zu Jahr“, sagt Maximilian, der Gruppenleiter. Solange Thomas Lust hat, hat er hier einen Arbeitsplatz. Mein Eindruck ist: Es macht ihm immer noch Spaß. Obwohl es nicht immer ungefährlich ist, wie er mit einem ironischen Lächeln sagt. Aber alles ist heil geblieben, in dieser langen Zeit. Nicht nur das, es ist vieles besser geworden.
Also stehen die Chancen gut, dass seine Arbeiten weiterhin das Angebot des Gärtnerhofs bereichern werden.
Und die Furchen, die mir bereits aufgefallen waren: Thomas zieht diese geraden Ackerfurchen. Das ist ein Teil seiner Sommerarbeit.
Raus aufs Feld!
Thomas sät, jätet Unkraut, harkt den Boden, pflegt die Pflanzen, schützt sie vor Schädlingen – und erntet sie schließlich. Das ist anspruchsvoll, auf einem Hof, dessen Produktqualität besonders hoch ist und über die EU-Bio-Klassifizierung hinausreicht. Fast alles ist Handarbeit: biozertifiziertes Saatgut, kein mineralischer Dünger, keine Pflanzengifte. Fruchtbarer Boden, Humusaufbau, Zwischenfrüchte, Gründüngung, Kompost – das sind Begriffe, die den Gärtnerhof kennzeichnen und mit denen Thomas Müller sich bestens auskennt. Stolz erzählt er, dass der größte Kunde des Gärtnerhofs die Bio Company ist.
Bei Thomas Müller gibt es eine Besonderheit: Er hat seinen eigenen Aufenthalts- und Arbeitscontainer, in den er sich zurückziehen kann, wenn er Ruhe braucht. Das hat man für ihn so eingerichtet, weil Ängste ein großes Thema für ihn waren, als er zu Mosaik kam. So beharrlich und geduldig, wie er seine Tätigkeit auf dem Hof ausübt, hat er diese Ängste therapeutisch bewältigt. Die konstante, kraftspendende Umgebung des Gärtnerhofs hat ihm dabei geholfen. Er äußert seine Bedürfnisse. Gerne geht er jetzt zu Gruppensitzungen. Und er trommelt. Seine Musikdarbietungen sind ein Höhepunkt auf den Feiern des Gärtnerhofs. Das Trommeln hat ihm ein junger Mann aus Afrika gelehrt.
Ein Pionier. Der Begriff fällt mir für Thomas ein. Als er mit 18 Jahren zu arbeiten begann, war Helmut Schmidt Bundeskanzler. So lange ist das her. Es gab noch keine Werkstätten im heutigen Sinne, nicht das vielfältige Angebot, das Mosaik mittlerweile für Menschen mit Behinderung bereithält. Das Förderungssystem, das wir kennen, wurde erst ab Mitte der 1980er Jahre realisiert.
Lange Zeit hatte Thomas Müller in der Mosaik-Betriebsstätte Heiligensee gearbeitet, und er gehörte zum Startteam, als 2014 der Gärtnerhof seinen Betrieb in Charlottenburg aufnahm. Anfangs fuhr man zum Mittagessen extra nach Heiligensee, erzählt er, bis der Hofladen fertiggebaut war, der auch die Aufenthaltsräume beinhaltet.
Heimat. Verbundenheit. Wechselseitigkeit. Die Aufgaben mögen mit den Jahreszeiten wechseln, doch die Ruhe ist immer in ihm, der Blick fürs Wesentliche kennzeichnet seinen Arbeitsstil. Der Gärtnerhof gibt ihm Sicherheit und er weiß, was er tut, hat nicht nur Hand und Fuß, sondern auch einen Sinn. Sie ist wichtig in dieser vernetzten Welt, in der es mehr denn je darauf ankommt, dass Menschen wie er sich einbringen und diese wichtigen Aufgaben erledigen. Gerne wäre ich noch ein wenig auf dem Hof geblieben, aber die Zeit, die Zeit. Die dort kaum eine Rolle zu spielen scheint und doch immer präsent ist in den Jahreszeiten, die man hautnah erlebt.
Der Sommer kehrt zurück, der Frühherbst, der goldene Oktober, die Felder des Gärtnerhofs im hellen Morgenlicht, wenn ich an Thomas Müller denke. Vielleicht sehen wir uns einmal wieder. Ich würde mich sehr darüber freuen.
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Über den Autor
Thomas Hocke schreibt, seit er als 13-Jähriger seine ersten Kurzgeschichten ausprobierte, und arbeitet seit vielen Jahren regelmäßig an Texten. Er leitete eine Online-Schreibgruppe, veröffentlichte über mehrere Jahre Kurzgeschichten und nimmt bis heute an Schreibprojekten teil. Außerdem betreibt er ein privates Weblog zu Politik und Kultur. Nach einem Berufswechsel in die Öffentlichkeitsarbeit arbeitet er seit 2025 bei Mosaik und ist Teil unseres Blog-Teams.
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