Behindertenwerkstatt, Werkstatt für Menschen mit Behinderungen oder - wie definieren wir uns selbst?

Behindertenwerkstatt – Abschied von einem nicht mehr zeitgemäßen Begriff und wie es heute bei Mosaik-Berlin heißt

30. Juli 2026

  • „Behindertenwerkstatt“ ist eine umgangssprachliche Bezeichnung. Gesetzlich heißt es Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) – lt. § 219 Sozialgesetzbuch IX.
  • Bei Mosaik verwenden wir den Begriff „Behindertenwerkstatt“ nicht als reguläre Bezeichnung. Denn er stellt die Behinderung stärker in den Vordergrund als die Menschen und ihre Arbeit.
  • Menschen bevorzugen unterschiedliche Selbstbezeichnungen (personen- oder identitätsorientiert). Deshalb gibt es keine Formulierung, die alle gleichermaßen passend finden.
  • Sprache kann Bilder verändern. Strukturelle Fragen wie den rechtlichen Status, das Entgeltsystem oder Wahlmöglichkeiten löst sie jedoch nicht..

Seit sieben Jahren arbeite ich in der Öffentlichkeitsarbeit von Mosaik. Die Arbeit mit Sprache gehört zu meinem Alltag. Wie sprechen wir so, dass Menschen uns verstehen? Welche Begriffe beschreiben unsere Tätigkeit und die Menschen bei Mosaik treffend? Und welche Bilder lösen diese Begriffe aus?

Als ich 2019 bei Mosaik anfing, änderte das Unternehmen gerade seinen Namen. Aus der Mosaik-Werkstätten für Behinderte gGmbH wurde die Mosaik-Berlin gGmbH. Der Anstoß kam aus dem Werkstattrat. Beschäftigte wollten ihren Arbeitsplatz beschreiben können, ohne sich dabei sofort über ihre Behinderung definieren zu müssen. Sie wollten nicht auf ein Merkmal reduziert werden.

Seitdem beschäftigt mich ein Begriff, den viele Menschen bis heute gängig verwenden und in Suchmaschinen eingeben: Behindertenwerkstatt. Ist dieser Begriff noch zeitgemäß? Darf man ihn noch verwenden? Oder beschreibt er die Menschen und ihre Arbeit nicht (mehr) angemessen?

 

Warum wir über „Behindertenwerkstatt“ sprechen sollten

„Behindertenwerkstatt“ ist sicher kein „verbotener“ Begriff. In unserer Gesellschaft verwenden viele ihn ganz selbstverständlich. Weil sie ihn gelernt haben und meinen, ungefähr zu wissen, was damit ausgedrückt ist. Wer nach Informationen über Werkstätten sucht, gibt häufig genau dieses Wort in Suchmaschinen ein. 

Für viele, die dem System selbst zugehörig sind, ist es jedoch ein absolutes Tabu. Auch bei Mosaik verwenden wir den Begriff nicht als reguläre Bezeichnung.
Der Grund ist nicht, dass wir anderen ihre Wortwahl vorschreiben möchten. Sprache verändert sich, und unterschiedliche Menschen verwenden unterschiedliche Begriffe. Uns geht es vielmehr darum, welche Bilder ein Wort vermittelt. Und ob diese Bilder den Menschen und ihrer Arbeit gerecht werden.

 

Wie lautet die offizielle Bezeichnung?

Der im geltenden Sozialgesetzbuch IX (SGB IX) verankerte Begriff lautet Werkstatt für behinderte Menschen, kurz WfbM. Nach § 219 SGB IX bieten Werkstätten Menschen, die wegen Art oder Schwere ihrer Behinderung nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein können, berufliche Bildung und Beschäftigung. Sie sollen außerdem dazu beitragen, ihre Leistungs- oder Erwerbsfähigkeit zu erhalten, zu entwickeln, zu erhöhen oder wiederzugewinnen.

„Behindertenwerkstatt“ ist also keine aktuelle gesetzliche Bezeichnung, sondern eine verkürzte umgangssprachliche Form. Im Schwerbehindertengesetz von 1974 hingegen hieß es noch "Werkstatt für Behinderte", die Verkürzung auf "Behindertenwerkstatt" in der Umgangssprache lag näher als heute.

Mit dem aktuellen Begriff scheint die Frage nach der passenden Bezeichnung doch beantwortet, oder? Eher nicht, denn auch der offizielle Begriff WfbM wird diskutiert. Hier bleibt das Wort „behindert“ erhalten und genau darüber gibt es bereits viele unterschiedliche Auffassungen.

 

„Behinderte Menschen“ oder „Menschen mit Behinderung/en“?

Eine erste sprachliche Empfehlung, die ich bei Mosaik lernte, war: Wir sprechen von Menschen mit Behinderung. Der Gedanke dahinter ist einfach: Ein Mensch ist mehr als eine einzelne Eigenschaft. Die Formulierung stellt deshalb den Menschen an die erste Stelle. In den vergangenen Jahren sind wir zum Plural übergegangen und sprechen heute meist von Menschen mit Behinderungen. Denn die eine Behinderung gibt es nicht. Menschen erleben sehr unterschiedliche Beeinträchtigungen, Barrieren und Lebenssituationen. Auch ihre Erfahrungen und Bedarfe unterscheiden sich. Der Plural macht diese Vielfalt sichtbarer.

Daneben gibt es weitere Begriffe wie Menschen mit Beeinträchtigungen oder Menschen mit Unterstützungsbedarf. Sie setzen jeweils andere Schwerpunkte. Eine Beeinträchtigung ist nicht dasselbe wie eine Behinderung. Nach der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) entsteht Behinderung im Zusammenspiel zwischen langfristigen Beeinträchtigungen und gesellschaftlichen oder umweltbedingten Barrieren. Gleichzeitig betont die Konvention ausdrücklich die Vielfalt von Menschen mit Behinderungen. Der Begriff Unterstützungsbedarf beschreibt dagegen nicht den Menschen selbst, sondern die Assistenz, die jemand in einer bestimmten Situation benötigt.

Die Diskussion endet jedoch nicht bei fachlichen Definitionen. Viele Menschen bezeichnen sich bewusst als behinderte Menschen oder sprechen von sich selbst als behindert. Sie verstehen Behinderung als Teil ihrer Identität oder ihrer Lebenserfahrung und verwenden den Begriff ganz selbstverständlich. 

Auch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass es keine Formulierung gibt, die von allen bevorzugt wird. Ob Menschen personenzentrierte Sprache wie „Menschen mit Behinderungen“ oder identitätsorientierte Sprache wie „behinderte Menschen“ wählen, hängt unter anderem von persönlichen Erfahrungen und dem jeweiligen Kontext ab.

 

Daraus folgt doch ein einfacher Grundsatz: Menschen sollten selbst entscheiden, wie sie über sich sprechen 

Wer behindert hier eigentlich wen?

Die Diskussion über Begriffe führt zu einer grundsätzlichen Frage: Ist ein Mensch behindert oder wird ein Mensch behindert? Die UN-Behindertenrechtskonvention betrachtet Behinderung nicht nur als individuelle Eigenschaft. Behinderung entsteht auch dort, wo Menschen auf gesellschaftliche oder umweltbedingte Barrieren treffen. Eine Treppe kann einen Menschen behindern. 

Eine schwer verständliche Information kann einen Menschen behindern. Ein Arbeitsmarkt ohne passende Bedingungen kann einen Menschen behindern. Auch Vorurteile können Menschen behindern. Das bedeutet nicht, dass Beeinträchtigungen keine Rolle spielen. Aber wir sollten Behinderung nicht allein im einzelnen Menschen suchen. Ein Begriff kann den Eindruck vermitteln, das Problem liege ausschließlich bei einer bestimmten Gruppe. Dann geraten die Barrieren aus dem Blick.

 

Was stört an Bezeichnungen wie „Behindertenwerkstatt“ oder WfbM?

Der Begriff rückt zuerst die Behinderung in den Vordergrund. Er sagt wenig darüber, was Menschen arbeiten, welche Aufgaben sie übernehmen und welche Ziele sie verfolgen.

Außerdem klingt „Behindertenwerkstatt“ ebenso wie "Werkstatt für Menschen mit Behinderung" nach einer klar abgegrenzten und einheitlichen Gruppe. Tatsächlich arbeiten in Werkstätten - wie bei Mosaik - Menschen mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten, Erfahrungen und Unterstützungsbedarfen. Der Begriff lenkt den Blick aber stärker auf eine Zuschreibung als auf die Arbeit.

Auch das Wort „Werkstatt“ prägt die Vorstellung davon, was dort geschieht. Viele Menschen denken dabei an Fahrzeuge oder Maschinen. Montage- oder maschinelle Tätigkeiten gibt es auch bei Mosaik, aber sie bilden nur einen Teil der Arbeit ab.

Bei Mosaik lernen und arbeiten Menschen in vielen Berufsfeldern. An den eigenen Standorten ebenso wie auf Außenarbeitsplätzen. Dazu gehören unter anderem Kantinen, Wäscherei, Garten- und Landschaftspflege, Landwirtschaft, Büro und Digitalisierung sowie Lebensmittelabfüllung und Versand. Das verbreitete Bild einer Werkstatt als Ort einfacher und immer gleicher Tätigkeiten wird dieser Vielfalt nicht gerecht. 

Dabei liegt das Problem nicht im Handwerk. In einer Kfz-Werkstatt leisten Menschen qualifizierte Arbeit. Problematisch sind vielmehr die Vorstellungen, die viele Menschen mit einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen verbinden: Fließband statt Vielfalt, Betreuung statt Arbeit, wenig Verantwortung und kaum Entwicklungsmöglichkeiten.

In Werkstätten entstehen Produkte und Dienstleistungen. Menschen bearbeiten Aufträge, lernen neue Tätigkeiten und übernehmen Verantwortung. Gleichzeitig ist eine Werkstatt kein gewöhnliches Unternehmen. Sie verbindet wirtschaftliche Tätigkeit mit einem gesetzlichen Auftrag zur beruflichen Bildung, Beschäftigung und Teilhabe am Arbeitsleben.

Werkstattbeschäftigte im Arbeitsbereich stehen in der Regel nicht in einem regulären Arbeitsverhältnis. Das Gesetz bezeichnet ihr Verhältnis zur Werkstatt als arbeitnehmerähnlich. Deshalb verwenden wir bei Mosaik je nach Zusammenhang unterschiedliche Begriffe. Wir sprechen von Werkstattbeschäftigten, wenn der rechtliche oder fachliche Kontext wichtig ist. Teilweise verwenden wir auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wenn die gemeinsame Arbeit und die Zugehörigkeit im Vordergrund stehen.

 

Ändert ein neuer Name die Wirklichkeit?

Wörter lassen sich schneller ändern als Systeme. Ein neuer Name kann alte Bilder infrage stellen. Er kann Menschen ermöglichen, anders über ihren Arbeitsplatz zu sprechen. Er verändert aber nicht automatisch das Entgelt, den rechtlichen Status, die Wahlmöglichkeiten oder die Übergänge auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Rechtliche Unterschiede kann eine neue Bezeichnung nicht auflösen.

Deshalb geht die Debatte über Werkstätten weit über die Frage nach dem passenden Begriff hinaus. Werkstätten ermöglichen vielen Menschen berufliche Bildung, Arbeit und Unterstützung. Gleichzeitig stehen ihr rechtlicher und politischer Rahmen in der Kritik. Beides muss Platz haben. Wer nur einen neuen Namen sucht, greift zu kurz.

 

Warum das Unternehmen heute Mosaik-Berlin heißt

Als Mosaik im April 2019 seinen Namen änderte, verschwand das Wort „Werkstätten“ aus dem Unternehmensnamen. Ich halte das bis heute für eine kluge Entscheidung.

Der neue Name reagierte nicht nur auf die Wünsche von Beschäftigten. Auch das Leistungsspektrum hatte sich über die klassische Werkstattarbeit hinaus entwickelt. Zur Mosaik-Berlin gGmbH gehören heute neben den Werkstätten unter anderem berufliche Bildung, Außenarbeitsplätze, Inklusionsbetriebe und Job-Coaching. Mosaik betreibt zudem den größten Beschäftigungs- und Förderbereich in Berlin für Menschen mit komplexen Behinderungen.

Die Werkstätten bleiben ein wichtiger Teil des Unternehmens. Der frühere Name bildete dessen Vielfalt jedoch nicht mehr vollständig ab. Der Name Mosaik-Berlin lässt mehr Raum für unterschiedliche Formen beruflicher und gesellschaftlicher Teilhabe sowie für die Menschen und Tätigkeiten, die dahinterstehen.

 

Die Begriffe und die Umfrage bei Mosaik-Berlin

Derzeit wird bei Mosaik-Berlin eine Umfrage dazu durchgeführt, welche Begriffe die Menschen mit Behinderungen selbst sich wünschen. Wie bezeichnen sie sich selbst, welche Bezeichnung würden sie gut finden? 

Alle Beschäftigten können mitzumachen! 

Wir werden die Ergebnisse der Umfrage im Blog Mosaik Magazin Plus in einem weiteren Artikel vorstellen.

 

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Alexandra Lange

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