Taubblind und Künstlerin sein, wie funktioniert das zusammen? - Nikola Palacz erklärt es im Interview (Beitragsreihe Menschen & Orte)
5. Oktober 2026
Tiere zeichnen, Erfahrungen weitergeben
Nikola Palacz zeichnet Tiere, gibt ihr Wissen weiter und sucht ihren beruflichen Weg. Die 23-Jährige ist taubblind und absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Betriebsstätte Mitte von Mosaik. Im Oktober 2026 haben wir mit ihr gesprochen: über Kunst, Barrieren im Alltag und den Wunsch, selbst zu entscheiden, wohin es beruflich gehen soll.
Tiere sind ihre liebsten Motive. Dazu zeichnet sie Pflanzen, Bäume und Natur im Hintergrund. Angefangen hat Nikola Palacz schon als Kind. Wie sie sich das Zeichnen beigebracht hat, weiß sie heute nicht mehr genau. „Ich war als Kind so begeistert vom Zeichnen, dass ich einfach sehr viel gezeichnet habe.“
Seitdem hat sich ihr Sehvermögen stark verändert. Beim Zeichnen greift sie auf ihre Erinnerungen zurück: an Motive, aber auch an Techniken, die sie über Jahre erlernt und angewendet hat. Außerdem hat sie eigene Möglichkeiten entwickelt, mit ihrer Sehbeeinträchtigung zu zeichnen. Wichtig sind dunkle oder kräftige Bleistifte, deren Linien sie noch erkennen kann. Auch dunkle Filzstifte helfen ihr. Daneben zeichnet sie auf dem Handy oder Tablet.
Bei Mosaik hat Nikola Palaz ihre Freude am Zeichnen mit anderen geteilt. Während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) bot sie eine Kunstprojektwoche zum Thema Tiere an.
Gemeinsam zeichnen und ausprobieren
Nikola Palacz zeigte den Werkstattbeschäftigten verschiedene Techniken, mit denen sich Tiere zeichnen lassen. Die Teilnehmenden fragten nach, probierten aus und waren zum Teil selbst überrascht von ihren Bildern.
„Mir hat es sehr gut gefallen, wie die Teilnehmenden so motiviert waren, Techniken fürs Zeichnen zu erlernen und anzuwenden“, erzählt sie. „Es sind sehr schöne Zeichnungen entstanden.“
Mitmachen sollten alle, die Lust dazu hatten. Welche Unterstützung jemand brauchte, klärte sich beim gemeinsamen Zeichnen. Die Teilnehmenden sagten Nikola Palacz, wenn sie Hilfe benötigten oder etwas an ihrem Arbeitsplatz verändert werden musste.
„Ich bin während des Kunstprojekts individuell auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingegangen. Zusammen haben wir Lösungen gefunden.“
Die Kunstprojektwoche ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: Sie konnte ihre Erfahrungen weitergeben und erleben, wie andere ihre Techniken aufgriffen und eigene Bilder daraus entwickelten.
Eigene Ideen für das FSJ
Mit Menschen arbeiten, Erfahrungen sammeln und eigene Angebote entwickeln: Deshalb entschied sich Nikola Palacz für ein Freiwilliges Soziales Jahr. Sie möchte künftig Schulungen und Freizeitangebote für taubblinde Menschen oder Menschen mit Hör-Sehbehinderungen anbieten.
Die ersten sechs Monate ihres FSJ verbrachte sie bei einem Träger in der ambulanten Hilfe. Für die Verlängerung wechselte sie zu Mosaik. Hier wollte sie einen anderen Arbeitsbereich kennenlernen.
„In einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen arbeiten viele verschiedene Menschen und ich möchte herausfinden, wie eine Zusammenarbeit mit mir als taubblinder Person möglich ist.“
Nikola Palacz brachte eigene Ideen mit. Neben dem Kunstprojekt wollte sie Workshops und Schulungen zu Taubblindheit und unterschiedlichen Kommunikationsformen anbieten. Auch das konnte sie bereits umsetzen: In kleinen Schulungsangeboten vermittelte sie Gebärdensprache, taktile Gebärdensprache und Haptic Signs – Kommunikationsformen, die sie selbst nutzt.
Was am Arbeitsplatz hilft
Während ihres FSJ begleitet Nikola Palacz Werkstattbeschäftigte, die blind, taubblind oder taub sind oder eine Hör-Sehbehinderung haben. Sie lernt ihre Tätigkeiten kennen und spricht mit ihnen darüber, was sie an ihrem Arbeitsplatz brauchen und sich wünschen.
Dabei geht es auch um Dinge wie weiße Lichtschalter an weißen Wänden. Wer sie schlecht erkennen kann, muss lange suchen. Nikola Palacz schaut gemeinsam mit den Beschäftigten, wie sich die Schalter farblich hervorheben lassen.
Auch sie selbst braucht Zeit und passende Unterstützung, um sich einzuarbeiten. In neuen Räumen muss sie sich zunächst orientieren. Arbeitsabläufe wiederholt sie einige Male, um Sicherheit zu gewinnen und die Anforderungen kennenzulernen.
Manchmal beginnt eine Begegnung mit einer freundlichen Begrüßung – und einer Rückfrage von ihr: Wer steht gerade vor mir?
„So werde ich häufig sehr freundlich begrüßt und muss dann aber sehr oft nachfragen, wer vor mir steht.“ Das ist ihr manchmal unangenehm, weil sie nicht unhöflich wirken möchte.
Am Computer nutzt Nikola Palacz ein Vergrößerungsprogramm. Notizen hält sie manchmal auf dem Handy fest, denn das Schreiben auf Papier fällt ihr inzwischen schwer. Je nach Situation unterstützen sie eine Taubblindenassistenz oder Gebärdensprachdolmetscher und Gebärdensprachdolmetscherinnen.
Die Begegnungen bei Mosaik erlebt sie als freundlich und offen. Viele Menschen stellen Fragen zu ihrer Taubblindheit oder möchten wissen, wie sie sich miteinander verständigen können. Besonders freut sie, wenn sie auch ohne Assistenz oder Dolmetscher direkt miteinander in Kontakt kommen.
„Die Zusammenarbeit mit ihnen macht mir sehr viel Spaß.“
Nur ein kleiner Ausschnitt bleibt sichtbar
Nikola Palacz wurde taub geboren. Mit Hörgeräten kann sie Geräusche wahrnehmen, gesprochene Sprache jedoch nicht verstehen. Ungefähr mit 14 Jahren begann ihre Augenerkrankung. In diesem Alter wurde bei ihr das Usher-Syndrom diagnostiziert. Seit ihrem 22. Lebensjahr hat sie das Merkzeichen TBl für Taubblindheit.
Ihr Gesichtsfeld beträgt nach ihrer Beschreibung etwa fünf Grad. „Ich habe den sogenannten Tunnelblick. Ich sehe nur noch direkt vor mir Dinge oder Personen. Links, rechts, oben oder unterhalb meines Gesichtsfeldes sehe ich gar nichts mehr.“
Mit der zusätzlichen Sehbeeinträchtigung veränderte sich ihr Alltag. Sie übersah Kinder, die unterhalb ihres Gesichtsfeldes liefen, oder stieß mit Menschen zusammen, die sich seitlich neben ihr befanden. Manche reagierten verärgert, weil sie ihr Verhalten für rücksichtslos hielten.
„Das wollte ich allerdings nicht sein.“
Auch Einkaufen wurde anstrengend. Nikola Palacz übersah Produkte und dachte, es gebe sie nicht mehr. Wechselgeld konnte sie nur schwer überprüfen. Niedrige Verkaufsflächen und Kartons auf dem Boden bemerkte sie manchmal erst, wenn sie dagegen stieß oder darüber stolperte.
Fahrradfahren und andere sportliche Aktivitäten waren nicht mehr möglich. Später konnte sie auch öffentliche Verkehrsmittel nicht mehr allein nutzen: Sie verlor die Orientierung und konnte Anzeigen und Informationstafeln nicht mehr erkennen.
„Ich verließ nur noch selten das Haus, verlor soziale Kontakte und fühlte mich innerlich sehr schlecht und verzweifelt.“
Unterstützung und neue Begegnungen
Besonders belastend erlebte Nikola Palacz ihre Schulzeit während der Corona-Pandemie. Nach ihrer Schilderung war die Schule nicht auf ihre Sehbehinderung eingestellt. Zugleich konnte sie damals selbst noch nicht genau benennen, welche Unterstützung sie zum Lernen brauchte.
Dem Videounterricht konnte sie am Bildschirm nicht folgen. Ihre Noten verschlechterten sich. Dass Lehrkräfte eine Assistenz nicht für notwendig hielten, belastete sie zusätzlich.
Mit Unterstützung der Eingliederungshilfe lernte Nikola Palacz nach und nach, mit ihrer Taubblindheit umzugehen. In einer blindentechnischen Grundausbildung übte sie den Umgang mit dem Blindenstock. Sie lernte Hilfsmittel für den Alltag und die Punktschrift kennen.
Neue Hoffnung gab ihr die erste Teilnahme an einem Taubblindencamp. Zum ersten Mal begegnete sie dort anderen taubblinden Menschen.
„Es tat so gut, zu erfahren, wie es ihnen mit der Doppelsinnesbehinderung geht und wie sie ihr Leben meistern.“
Die Begegnungen halfen ihr, die eigene Behinderung zu akzeptieren. Später nahm sie auch an einem internationalen Taubblindencamp teil. Besonders beeindruckte sie ein Teilnehmer, der seinen Traumberuf verwirklicht hatte: Er ist ausgebildeter Friseur und arbeitet in Frankreich.
„Das hat mich sehr motiviert, zu versuchen, meinen beruflichen Wünschen ebenso nachzugehen.“
Selbst entscheiden, was beruflich passt
Dass sie arbeiten möchte und eigene Vorstellungen davon hat, musste Nikola Palacz in Beratungsgesprächen wiederholt deutlich machen. Sie berichtet, dass zunächst sogar eine Rente statt eines beruflichen Einstiegs zur Sprache kam.
„Das hat mich sehr verletzt, weil man mir das Gefühl gab, dass ich zu nichts zu gebrauchen sei. Ich bin jung und ich habe den Wunsch, auch arbeiten gehen zu dürfen.“
Auch nach einer berufsvorbereitenden Maßnahme musste sie weiter für ihre Wünsche eintreten. Eine vorgeschlagene Tätigkeit passte weder zu ihr noch zu ihren Interessen.
Menschen, die sie begleiteten und an sie glaubten, unterstützten sie in den Gesprächen. Schließlich konnte Nikola Palacz selbst nach einer Möglichkeit suchen, sich auszuprobieren. Sie entschied sich für das FSJ.
Kunst erleben und Kunst gestalten
Eigene Arbeiten von Nikola Palacz sind nach ihren Angaben in einer Ausstellung bei der Lebenshilfe BAB in der Berliner Sonnenallee zu sehen.
Selbst Ausstellungen zu besuchen, ist für sie nicht immer einfach. Besonders die Lichtverhältnisse können schwierig sein. Was einen Besuch erleichtert, lässt sich aus ihrer Sicht nicht für alle taubblinden Menschen gleichermaßen beantworten. Dafür sind die Bedürfnisse zu unterschiedlich. Kunst, die sich ertasten lässt, könne für viele taubblinde oder blinde Menschen hilfreich sein.
Beim eigenen Gestalten stehen für Nikola Palacz die Freude und die Motivation im Mittelpunkt.
„Für mich sind die Motivation und der Spaß am Zeichnen oder am Gestalten von Kunstprojekten wichtig.“
Was gute oder schlechte Kunst ist, möchte sie nicht allgemein beurteilen. Vieles sei Geschmackssache. Über den Begriff „taubblinde Kunst“ hat sie sich bisher keine Gedanken gemacht. Ihre Wünsche für die eigene Zukunft kann sie dagegen klar benennen.
Kunst soll beruflich dazugehören
„Ein besonderer Traum wäre es, Kunst in meinen Beruf einfließen zu lassen.“
Nikola Palacz möchte weitere Kunstworkshops und Schulungen besuchen und neue Techniken lernen. Gleichzeitig möchte sie selbst Schulungs- und Freizeitangebote für taubblinde Menschen entwickeln.
Parallel zu ihrem FSJ macht sie eine Weiterbildung zur Haptic-Signs-Dozentin. Zum Zeitpunkt des Interviews steht ihre Abschlussprüfung noch bevor: Sie ist für Ende November 2026 vorgesehen. Danach möchte sie sich für die Lehrtätigkeit in der Erwachsenenbildung weiterbilden.
Menschen, die noch nie einer taubblinden Person begegnet sind, rät Nikola Palacz, auf sie zuzugehen und Kontakt zu suchen. Freundliche, offene Fragen zum Umgang miteinander und zur Kommunikation können aus ihrer Sicht helfen, Barrieren abzubauen.
„Ich glaube, durch das gegenseitige Kennenlernen würde schneller ein guter Umgang miteinander gefunden werden.“
Was bedeutet das Merkzeichen TBl?
„TBl“ steht für „taubblind“. Es handelt sich um ein Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis. Es wird eingetragen, wenn wegen einer Beeinträchtigung des Hörens ein Grad der Behinderung von mindestens 70 und wegen einer Beeinträchtigung des Sehens ein Grad der Behinderung von 100 anerkannt ist. Diese Zahlen sind keine Prozentangaben zum verbliebenen Hör- oder Sehvermögen. [rp-giessen.hessen]
Der Begriff taubblind ist eine offizielle Bezeichnung, die auch vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) verwendet wird.
Was sind Haptic Signs?
Haptic Signs sind Zeichen, die durch Berührungen am Körper übermittelt werden, zum Beispiel am Rücken, am Arm oder an der Hand. Taubblinde Menschen können darüber Informationen erhalten, die ihnen sonst nicht oder nur schwer zugänglich sind: etwa was im Raum geschieht, wie jemand reagiert oder ob eine Pause beginnt. [ksl-nrw] [gesellschaft-taubblindheit]
Die Zeichen ergänzen andere Kommunikationsformen, zum Beispiel taktile Gebärdensprache, bei der Gebärden über Berührung wahrgenommen werden. Die RWTH Aachen sammelt die im deutschsprachigen Raum verwendeten Haptic Signs gemeinsam mit taubblinden Menschen und weiteren Beteiligten in einem Online-Lexikon. [ksl-nrw] [signges.rwth-aachen]
Die Autorinnen und Autoren
Kathleen Bartel hat das Interview mit Nikola Palacz geführt und die Fotos vom Kunstprojekt Tiere bei Mosaik-Berlin in Mitte gemacht. Sie ist Mitarbeiterin in der Öffentlichkeitsarbeit von Mosaik.
Sabine Zobel und Thomas Hocke haben den Text redaktionell für das Blogformat Mosaik Magazin Plus bearbeitet. Sie sind ebenfalls Mitarbeitende in der Öffentlichkeitsarbeit von Mosaik.
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