Wahlworkshop bei Mosaik: Wählen verstehen und über wichtige Themen sprechen
29. September 2026
Wahlworkshop: Wählen verstehen und über wichtige Themen sprechen
Wahlen gehören zu einer Demokratie. Doch welche Wahlen gibt es eigentlich? Was ist der Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimme? Wie funktioniert die Wahl im Wahllokal? Und was muss man bei einer Briefwahl beachten?
Mit diesen und vielen weiteren Fragen beschäftigten sich 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 17. September in der Betriebsstätte Mitte von Mosaik-Berlin bei einem Wahlworkshop. Geleitet wurde die Veranstaltung von Andreas Wessel (siehe Infobox). Zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen unterstützten den Workshop.
Ziel des Workshops war es, mit Beschäftigten aus der Werkstatt über den Sinn und Zweck von Wahlen zu sprechen. Dabei ging es nicht nur um den Ablauf einer Wahl. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten auch über politische und gesellschaftliche Themen sprechen, die ihnen persönlich wichtig sind.
Nicht jede Wahl ist gleich
Zu Beginn ging es um unterschiedliche Wahlen. In Deutschland wählen Menschen auf verschiedenen politischen Ebenen ihre Vertreterinnen und Vertreter.
Besprochen wurden unter anderem die Bundestagswahl, die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus und die Wahlen zu den Bezirksverordnetenversammlungen, kurz BVV.
In den Bundestag werden Vertreterinnen und Vertreter für ganz Deutschland gewählt. Das Berliner Abgeordnetenhaus trifft politische Entscheidungen für das Bundesland Berlin. Die Bezirksverordnetenversammlungen befassen sich mit Themen in den 12 Berliner Bezirken.
Auch Wahlen, die besonders für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und Beschäftigten in Werkstätten wichtig sind, kamen zur Sprache. Dazu gehören zum Beispiel die Werkstattratswahl und die Wahl der Schwerbehindertenvertretung.
Im Workshop wurde außerdem darüber gesprochen, warum Wahlen in Deutschland meistens an einem Sonntag stattfinden. An diesem Tag sollen möglichst viele Menschen Zeit haben, wählen zu gehen. In manchen anderen Ländern wird auch an Werktagen oder über mehrere Tage gewählt.
Erststimme und Zweitstimme: Wo liegt der Unterschied?
Eine wichtige Frage lautete: Was bedeuten Erst- und Zweitstimme auf dem Stimmzettel? Warum gibt es bei den Berliner Wahlen am 20.09.2026 insgesamt drei Stimmen?
An diesem Tag fanden in Berlin gleichzeitig die Wahlen zum Abgeordnetenhaus und zu den Bezirksverordnetenversammlungen statt. Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus hat jede wahlberechtigte Person zwei Stimmen. Mit der Erststimme wird eine Kandidatin oder ein Kandidat im eigenen Wahlkreis gewählt. Mit der Zweitstimme wird eine Partei gewählt. Sie ist besonders wichtig für die Verteilung der Sitze im Abgeordnetenhaus.
Für die BVV-Wahl gibt es eine weitere Stimme. Mit ihr wählen die Wählerinnen und Wähler einen Wahlvorschlag einer Partei oder einer Wählergemeinschaft für ihren Bezirk. Insgesamt gab es also zwei Stimmzettel: einen für die Abgeordnetenhauswahl und einen für die BVV-Wahl, und drei Stimmen.
Für Menschen, die noch nicht häufig gewählt oder Beeinträchtigungen haben, können Stimmzettel mit vielen Parteien und Kandidatinnen oder Kandidaten kompliziert wirken. Deshalb wurde Schritt für Schritt besprochen, wie eine Wahl funktioniert und worauf man achten muss.
Welche Themen sind wichtig?
Vor der Mittagspause gab es eine Gruppenarbeit. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer überlegten in kleinen Teams, welche politischen und gesellschaftlichen Themen sie besonders beschäftigen. Dabei entstand eine lange und vielfältige Themenliste.
Alltag, Wohnen und Barrierefreiheit
Viele Gespräche drehten sich um Barrierefreiheit im Berliner Alltag. Ein Beispiel waren E-Roller auf Gehwegen. Falsch abgestellte Roller können Wege versperren. Für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ist das besonders schwierig.
Auch bezahlbarer und barrierefreier Wohnraum war ein wichtiges Thema. Viele Menschen finden in Berlin nur schwer eine passende Wohnung. Für Menschen, die auf eine barrierefreie Wohnung angewiesen sind, ist die Suche oft noch schwieriger.
Sicherheit, Verkehr, Sauberkeit
Weitere Themen betrafen das Leben in der Stadt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprachen über Kriminalität, das persönliche Sicherheitsgefühl und den öffentlichen Nahverkehr. Dabei ging es nicht nur um Fahrpreise und Pünktlichkeit. Auch das Verhalten anderer Fahrgäste kann Bus- und Bahnfahrten für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen erschweren.
Diskutiert wurde außerdem über Sauberkeit im öffentlichen Raum. Wilde Müllkippen, Sperrmüll, Scherben und Hundekot wurden als Probleme genannt. Beim Thema Umwelt ging es um die Zukunft des Autoverkehrs in Berlin.
Soziale Fragen und politische Gerechtigkeit
Auch Obdachlosigkeit und Drogenkonsum im öffentlichen Raum wurden angesprochen. Zum Schluss ging es um eine grundsätzliche Frage: Werden politische Entscheidungen als gerecht empfunden? Und können Politikerinnen und Politiker den Alltag der Menschen nachvollziehen? Die Gespräche zeigten, wie eng politische Entscheidungen mit Erfahrungen im täglichen Leben verbunden sind.
Die Gruppen sammelten ihre Themen auf Karten. Eine Person aus jeder Gruppe schrieb das jeweilige Thema gut lesbar auf eine Karte. Anschließend wurden die Karten an einer großen Tafel befestigt. Themen, die eng zusammengehörten, hingen nebeneinander. Am Ende war die Tafel fast vollständig mit Themen aus dem Alltag der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gefüllt.
So funktioniert die Wahl im Wahllokal
Nach der Gruppenarbeit ging es wieder um den Ablauf einer Wahl. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfuhren, was sie erwartet, wenn sie ein Wahllokal betreten.
Besprochen wurden unter anderem diese Fragen:
Welche Stationen gibt es im Wahllokal?
Wer gibt die Stimmzettel aus?
Wie viele Kreuze darf man machen?
Wie wird geprüft, ob eine Person in diesem Wahllokal wählen darf?
Wer die Wahlbenachrichtigung vergessen hat, kann sich in der Regel auch mit einem Personalausweis oder Pass ausweisen. Wahlhelferinnen und Wahlhelfer prüfen dann, ob die Person im Wählerverzeichnis steht. Anschließend geben sie die Stimmzettel aus.
Menschen mit Sehbeeinträchtigung oder Menschen, die den Stimmzettel nicht selbst ausfüllen können, dürfen eine unterstützende Person mit in die Wahlkabine nehmen. Diese Person kann vorlesen oder beim Ausfüllen helfen. Die Wahlentscheidung trifft aber immer die wahlberechtigte Person selbst. Die Möglichkeit der Unterstützung erleichtert vielen Menschen die Teilnahme an einer Wahl.
Solche Informationen sind besonders wichtig, wenn Menschen mit Behinderungen zum ersten Mal wählen gehen oder bei einer Wahl noch unsicher sind.
Was muss man bei der Briefwahl beachten?
Auch die Briefwahl wurde ausführlich erklärt. Dabei ging es darum, welche Unterlagen ausgefüllt werden müssen, wie die Stimmzettel und Umschläge richtig verwendet werden und welche Fristen gelten.
Bei der Berliner Wahl 2026 enthielten die Briefwahlunterlagen einen Wahlschein, die Stimmzettel, einen weißen Stimmzettelumschlag und einen roten Wahlbriefumschlag. Die ausgefüllten Unterlagen mussten spätestens am Wahltag bis 18 Uhr beim zuständigen Bezirkswahlamt eingehen.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfuhren außerdem, dass Briefwahlunterlagen online, schriftlich oder persönlich beim zuständigen Wahlamt beantragt werden können.
Was wählen, wenn man noch unsicher ist?
Nicht jeder weiß sofort, welche Partei am besten zu den eigenen Vorstellungen und Interessen passt. Deshalb wurde im Workshop auch darüber gesprochen, wie man sich vor einer Wahl informieren kann.
Neben Informationen der Parteien und Berichten in den Medien kann zum Beispiel der Wahl-O-Mat eine erste Orientierung bieten. Für die Berliner Wahl 2026 konnten Nutzerinnen und Nutzer ihre Haltung zu 38 Fragen mit den Antworten der teilnehmenden Parteien vergleichen. Das Tool hilft bei der Orientierung, ersetzt aber nicht die eigene Entscheidung.
Wählen heißt: Die eigene Stimme nutzen
Der Wahlworkshop zeigte: Zu einer Wahl gehört mehr, als am Wahltag ein paar Kreuze zu machen.
Wer wählen möchte, sollte wissen, wie eine Wahl abläuft, welche Aufgaben die politischen Ebenen haben und wo es verlässliche Informationen gibt. Ebenso wichtig ist es, sich eine eigene Meinung zu bilden. Je besser Menschen informiert sind, desto leichter können sie entscheiden, welche Positionen und Parteien zu ihren Interessen und Werten passen.
Die Gruppenarbeit machte deutlich: Politik findet nicht nur weit weg statt. Sie begegnet uns beim Wohnen, auf dem Gehweg, im Bus, im Park und an vielen anderen Stellen des täglichen Lebens. Wahlen geben Menschen die Möglichkeit, ihre Stimme einzubringen und politische Entscheidungen mitzugestalten.
Andreas Wessel ist Diplom Pädagoge, M.Sc. und Experte für die Themen Leichte und Einfache Sprache sowie Barrierefreiheit. Er ist langjähriger Referent und Gastgeber bei verschiedenen inklusiven Veranstaltungsformaten sowie Barrierefreiheitschecks in kommunalen Einrichtungen und arbeitet gemeinsam mit einem Team von Kolleg*innen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen (Profil bei FU Berlin). Mosaik-Berlin hat ihn als Mitglied von "Die Reha" bei Capito gebeten, die Wahlworkshops zu leiten.
Über die Autorin
Sabine Zobel arbeitet seit vielen Jahren bei Mosaik und bringt ihre eigene Perspektive auf Menschen, Arbeit und Gesellschaft in ihre Texte ein. Nach verschiedenen beruflichen Stationen und Weiterbildungen kam sie 2013 zu Mosaik, wo sie zunächst in unterschiedlichen Werkstattgruppen tätig war. Seit 2024 arbeitet sie auf einem Außenarbeitsplatz in der Öffentlichkeitsarbeit. Dort schreibt sie für den Blog, das Mosaik Magazin und die Inhouse-Zeitung Mosaik Aktuell. Besonders wichtig ist ihr, Arbeitsalltag sichtbar zu machen und Themen verständlich, authentisch und nah an den Menschen aufzubereiten.
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