Mitarbeiterin Agnes Lichtenberg an ihrem Arbeitsplatz - Mosaik-Werkstatt für Menschen mit Behinderungen in Spandau, Bereich Lebensmittelabfüllung

Gruppenleiterin seit 40 Jahren: Agnes Lichtenberg über ihre Arbeit bei Mosaik

9. Februar 2026

Lesedauer: 9 Minuten 

Was macht einen Arbeitsplatz zu einem Ort, an dem Menschen bleiben – über Jahrzehnte? In der Mosaik-Werkstatt im Askanierring in Spandau gibt es eine Frau, die genau das verkörpert: Agnes Lichtenberg. Seit 40 Jahren arbeitet sie bei Mosaik, heute als Gruppenleiterin. Sie hat miterlebt, wie sich Aufgaben, Anforderungen und ganze Arbeitsbereiche verändern. In diesem Porträt geht es um Erfahrung und Wandel, um Krisen, die gemeinsam bewältigt wurden, und um die Frage, was es braucht, damit Menschen gern und lange bei der Arbeit bleiben.

Aus dem Mosaik Magazin 2025/2 zum 60-jährigen Jubiläum von Mosaik

 

Jeder in Spandau kennt das Mosaik.
Jeder bei Mosaik kennt den Askanierring.
Jeder im Askanierring kennt Agnes Lichtenberg.

Und wenn Sie nun weder aus Spandau sind, wo der Askanierring liegt, noch bei Mosaik arbeiten?

Dann lesen Sie diesen Bericht. Danach wissen Sie mehr über einen spannenden Ort in Berlin und eine Frau, die diesen Ort in seiner heutigen Gestalt mitgeprägt hat. Sie dürfen diesen kleinen Report aber auch lesen, wenn Sie sowohl aus Spandau kommen als auch bei Mosaik beschäftigt sind, vielleicht sogar im Werkstattgebäude am Askanierring 155/156 … also dort, wo Agnes Lichtenberg zu finden ist.

Der Herbst ist vorangeschritten, seit ich Gast im Gärtnerhof Charlottenburg war, der ebenfalls von Mosaik betrieben wird. Doch es ist immer noch strahlendes Sonnenwetter, als ich am Askanierring eintreffe. Ein paar Grad kühler jetzt – das fühlt sich richtig an für November.

Sogleich werde ich von Agnes Lichtenberg begrüßt. Um sie geht es heute. Nachdem wir kürzlich über Thomas Müller geschrieben hatten, den Mann, der als Werkstattbeschäftigter am längsten bei Mosaik ist, treffe ich nun die Mitarbeiterin, die am längsten dabei ist. Sie ist die Gruppenleiterin der Lebensmittelabfüllung im Askanierring. Sie weiß ihren ersten Arbeitstag auswendig: Es war der 1. März 1986. Fast 40 Jahre sind seitdem vergangen. Ihre erste Station war die Betriebsstätte Wernerwerkdamm, die ebenfalls in Spandau liegt.

Nach der Schließung dieser Werkstatt wechselte sie mit den Kollegen und Kolleginnen und den Beschäftigten zum Askanierring.

„Schon als Schülerin hatte ich in den Ferien bei Mosaik gearbeitet – und nach dem Abschluss kam die Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte, als Festangestellte zu beginnen. Mir hatte die Arbeit in den Ferien immer Spaß gemacht, also sagte ich sofort zu“, erklärt sie, und man sieht ihr an: Es macht ihr nach wie vor Spaß, im Askanierring das Werkstattleben mitzugestalten. Und mit ihrem Eintritt 1986 begründete sie die Generationenfolge ihrer Familie bei Mosaik, denn bereits ihr Vater war hier tätig.

Wenig später absolvierte sie die sonderpädagogische Ausbildung. Mit dem Abschluss erwarb sie die Qualifikation, als Gruppenleitung tätig zu sein. Sie baute den Standort Askanierring mit auf. Dazu war sie zur rechten Zeit gekommen, weil er 1986 eröffnete.

Die Einweihung war ein großes Ereignis, sogar der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker war gekommen. Heute ist das Haus die größte Betriebsstätte von Mosaik und eine der größten ihrer Art in Berlin. 260 Beschäftigte finden hier eine sinnvolle und erfüllende Arbeit; hinzu kommen die Mitarbeitenden, zu denen Agnes Lichtenberg gehört.

Gerne erzählt sie über die Auftraggeber, für die ihre Gruppe in der Industriemontage gearbeitet hat – darunter einige weltbekannte Unternehmen: Herlitz, Drospa, Guhl, Verpoorten, Stolzenberg. Konfektioniert und verpackt wurden Kugelschreiber, Erfrischungstücher, Shampoo-Probefläschchen, Eierlikör-Rezeptkärtchen, Hefter und – für das Unternehmen Fritsche Ludwig – die bekannten Berlin-Herzen-Schlüsselanhänger. Für Nixdorf wurden Litzen verzinnt, für Thoben Kuchenbleche hergestellt. Für Neoplan und Bosch erledigte das Team Tätigkeiten, die tief in die Fertigungsprozesse der Unternehmen integriert waren.

Die Arbeit hat sich gewandelt, sagt Agnes Lichtenberg. Die Lebensmittelabfüllung, die sie heute leitet, sei anspruchsvoller – technisch und aufgrund der hohen Hygieneanforderungen. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Berliner Kunde Fairment, der lebendige Biokulturen für eine darmgesunde Ernährung herstellt. Ob Joghurt, Kefir oder Kombucha: Alles für die Starter-Kits des Unternehmens wird bei Agnes Lichtenberg und ihrem Team konfektioniert.

Es klingt alles harmonisch und in der Abfolge logisch, und die Lebensmittelabfüllung darf ich mir sogar anschauen: Menschen, die ruhig und konzentriert kleine Beutel befüllen. Sie brauchen dazu keine Messgeräte, sagt Agnes Lichtenberg, sie können die Mengen bestens nach Gewicht einschätzen. Es sind Menschen mit Masken. Und ich erfahre, dass nicht immer alles so glatt lief. Dass es, wie in jedem Leben, in jedem Unternehmen, auch kritische Momente gab.

„Das kennen wir schon – das wuppen wir!“ Mit der ihnen eigenen Gelassenheit stellten sich die Beschäftigten der Lebensmittelabfüllung der neuen Lage. Der Kalender zeigt den Monat März an. März 2020. Agnes Lichtenberg blickt gerade auf 34 Jahre bei Mosaik zurück. Was soll da noch geschehen, was man nicht auf die eine oder andere Weise kennt? Gibt es nicht immer eine Lösung, die im Erfahrungsschatz gespeichert ist und die – nur variiert, ein wenig angepasst – greifen muss, wenn sich eine neue Herausforderung stellt?

Ab Februar 2020 nimmt die Corona-Pandemie ihren Lauf. Im März kommt der erste Lockdown. Mehr als zwei Jahre wird die Ausnahmesituation andauern – oder mehr, je nachdem, wie man das Ende definiert. Jeder von uns hat diese Zeit noch sehr präsent vor Augen. Erst kamen die Masken. Die Beschäftigten waren nicht beunruhigt. Das kennen wir, sagten sie mit einem gewissen Stolz. Doch es wurde schlimmer. Am 20. März 2020 wurden alle Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen landesweit geschlossen. Persönliche Kontakte wurden stark eingeschränkt. Das war ein Ereignis, mit dem niemand gerechnet hatte. Nicht im Askanierring. Nicht in Berlin. Nirgendwo auf der Welt. Es gab einfach keinen sogenannten Präzedenzfall für diese Lage. Das heißt: So etwas gab es nie zuvor.

Agnes Lichtenberg erinnert sich: Wie bleibt man an den Menschen dran, wie behält man im Blick, ob es ihnen gut geht, wenn man sie nicht sehen darf? Es ging nur noch per Telefon. Das war eine besonders schwierige Phase in ihrer langen Zeit bei Mosaik. Doch eines Tages kam das große Wiedersehen. Alle waren geblieben. Alle wollten wieder arbeiten.

Vergessen ist dies alles nicht. Aber bewältigt. Das Leben geht weiter – selbst nach einer so einschneidenden Phase.

„Und die Wäscherei!“, sagt Agnes Lichtenberg. Stimmt, die Wäscherei hatte sie erwähnt, als wir ihre Laufbahn chronologisch besprochen hatten.

Zwischen ihrer Zeit in der Industriemontage und heute liegt ein Abschnitt, der immer noch nachwirkt: die Jahre in der Wäscherei. 17 Jahre, von 1996 bis 2013, hat sie diese geleitet. Die Wäscherei wuchs stetig – die Aufträge, die Wäschemengen, die Maschinen, die Reparaturen – der Stress. Schließlich wurde es zu viel. Agnes Lichtenberg wollte eine Veränderung, weil kaum noch Zeit für die Betreuung der Beschäftigten blieb.

Nach sorgfältiger betriebswirtschaftlicher Analyse und Gesprächen mit allen Beteiligten beschloss man, die Wäscherei in die bestehende Betriebsstätte in der Ifflandstraße zu integrieren. Agnes Lichtenberg blieb in Spandau und stellte ihre Gruppe auf neue Arbeitsabläufe ein. Viele Jahre lang wanderten die Beschäftigten mit ihr von Station zu Station und passten sich neuen Tätigkeiten an – weil sie ihre Gruppenleiterin behalten wollten.

Beinahe 40 Jahre Aufbauarbeit und Gruppenleitung bei Mosaik. Und noch immer neue Herausforderungen. „Das hält fit“, sagt Agnes Lichtenberg. Und der Ausgleich im Privatleben sei wichtig: die Bowling-Gruppe, die Motorradtouren auf dem Sozius, der Urlaub mit VW-Bus und Bike auf Korsika – und vor allem die Familie, aus der sie Kraft für die Arbeit schöpft. „Gerne darf es noch ein wenig weitergehen“, sagt sie und bestätigt damit den Eindruck, den ich bereits zu Beginn unseres Gesprächs hatte. Vielen Dank für Ihre Zeit, Agnes Lichtenberg!

Apropos behalten: Ich muss im Kopf behalten, weiter nach dem Geheimnis von Mosaik zu forschen. Warum sind viele Menschen hier so lange dabei? 30 oder 35 Jahre sind keine Seltenheit. 40 Jahre werden es bei Agnes Lichtenberg im März. Oder 46 Jahre, wie bei Thomas Müller, den ich zuvor erwähnt hatte? Ist es so, dass jemand, der hier ankommt, nie wieder weg will? Ist es, weil, wie im „Fall Wäscherei“, mit viel Engagement Lösungen gefunden werden, mit denen alle zufrieden sind? Weil jeder mit seinen Wünschen und Fähigkeiten respektiert wird? Wenn ich weitere Erkenntnisse finde, schreibe ich sie auf – versprochen.


 

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Arbeitsbereich Lebensmittelabfüllung

Über den Autor

Thomas Hocke schreibt, seit er als 13-Jähriger seine ersten Kurzgeschichten ausprobierte, und arbeitet seit vielen Jahren regelmäßig an Texten. Er leitete eine Online-Schreibgruppe, veröffentlichte über mehrere Jahre Kurzgeschichten und nimmt bis heute an Schreibprojekten teil. Außerdem betreibt er ein privates Weblog zu Politik und Kultur. Nach einem Berufswechsel in die Öffentlichkeitsarbeit arbeitet er seit 2025 bei Mosaik und ist Teil unseres Blog-Teams.

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