Ausschnitt Titelbild Mosaik Magazin Jubiläumsausgabe 60 Jahre Mosaik: Prof. Dr. Heinrich Greving im Interview über die Zukunft der Werkstätten für Menschen mit Behinderung bei Mosaik-Berlin.

„Brücken bauen, keine Mauern“ – Prof. Dr. Greving über die Zukunft der Werkstätten

23. Januar 2026

Lesedauer: 5 Minuten

Zum 60-jährigen Bestehen von Mosaik haben wir mit Prof. Dr. Heinrich Greving über Werkstätten für Menschen mit Behinderungen gesprochen. Greving war bis zu seiner Pensionierung im September 2025 Professor für Allgemeine und Spezielle Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Münster und gilt als einer der profiliertesten Wissenschaftler in diesem Feld. 

In dem 2021 erschienenen Sammelband „Werkstätten für behinderte Menschen – Sonderwelt und Subkultur behindern Inklusion“ beleuchten er und Co-Herausgeber Ulrich Scheibner, ehemaliger Bundesgeschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten, kritisch die Strukturen, Leistungen und Grenzen des Systems. Zugleich wagt das Buch, das in Fachkreisen viel Aufmerksamkeit – und mitunter Empörung – auslöste, den Blick nach vorn.

Aus dem Mosaik Magazin 2025/2 zum 60-jährigen Jubiläum von Mosaik

 

Zwischen Kritik und Reform

Mosaik Magazin Plus: Herr Prof. Dr. Greving, Ihr Sammelband hat viel Resonanz ausgelöst. Verstehen Sie sich als Kritiker oder Reformer?

Prof. Dr. Greving: Beides. Ich sehe mich als kritisch-reflexiven Wissenschaftler, aber auch als Praktiker, der das System gut kennt. Weder bin ich jemand, der alles abreißen will, noch jemand, der den Status quo verteidigt. Ich will verstehen, wie Werkstätten funktionieren, wo ihre Stärken liegen, wo sie sich verändern müssen und welche realistischen Reformwege es gibt. 

Der Titel unseres Buches war bewusst provokant. Wir wollten die Debatte anstoßen, weil über Werkstätten weder in der Politik noch bei den Trägern wirklich offen diskutiert wird. Uns ging es darum, die Ambivalenzen und Unsicherheiten des Systems ernst zu nehmen. Kritik heißt dabei nicht Ablehnung. Ich weiß sehr wohl, dass Werkstätten wichtige Arbeit leisten: Sie bieten Begleitung, Beschäftigung und soziale Teilhabe. Problematisch wird es, wenn daraus dauerhafte Absonderung wird. Wenn weniger als ein Prozent der Beschäftigten den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt schaffen, dann müssen wir fragen, warum das so ist. Das Thema polarisiert stark: Für die einen bedroht Kritik bewährte Hilfen, für die anderen ist sie ein überfälliger Schritt zu mehr Menschenrechten.

 

Von Bastelstuben zu Teilhabediensten

Mosaik Magazin Plus: Wie sind Werkstätten in Deutschland überhaupt entstanden?

Prof. Dr. Greving: Die Geschichte ist im Grunde eine sehr lange. Erste Ansätze gab es schon im 18. Jahrhundert. In ihrer heutigen Form entstanden Werkstätten aber erst im 19. und 20. Jahrhundert mit dem Aufkommen der ersten Wohlfahrtsverbände. Eine richtige Professionalisierung setzte Ende der 1960er und in den 1970er Jahren ein. Vorher waren das oft Bastelstuben ohne rechtliche Grundlage

Bis weit in die 1960er Jahre wehrte sich das deutsche Sozialrecht dagegen, Menschen mit Beeinträchtigungen als Arbeitnehmende anzuerkennen – vor allem aus finanziellen Gründen. Erst mit der Werkstättenverordnung von 1974 änderte sich das. Werkstätten wurden zur Antwort auf die Frage, wie Menschen mit Beeinträchtigungen sinnvoll beschäftigt und begleitet werden können. 

Das war ein Fortschritt. Aber das System ist seither weitgehend stehen geblieben. Werkstätten sollten Schutzraum, Lernraum und Versorgungsangebot zugleich sein. Sie bieten Sicherheit und Gemeinschaft, erzeugen aber zugleich Abgrenzung und fehlende Bildungschancen. Gerade beim Thema Bildung gibt es bis heute Nachholbedarf.
 

Mosaik Magazin Plus: Auch Mosaik entstand 1965 aus bürgerschaftlichem Engagement. Welche Bedeutung hatten solche Initiativen?

Prof. Dr. Greving:  Eine sehr große. Viele Werkstätten wurden damals von Vereinen, Kirchen und engagierten Bürgerinnen und Bürgern gegründet. Sie trugen wesentlich dazu bei, dass lokale Angebote sowie erste finanzierte Strukturen entstanden. Und dass Menschen mit Beeinträchtigungen überhaupt als Teil des Arbeitslebens wahrgenommen wurden.

 

Werkstätten heute

Mosaik Magazin Plus: Welche Rolle spielen Werkstätten heute? 

Prof. Dr. Greving: Werkstätten sind nach wie vor ein zentraler Bestandteil beruflicher Teilhabe. Allein die Größenordnung ist – nicht nur positiv zu bewerten – beeindruckend: Rund 330.000 Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten dort. Das entspricht einer Stadt wie Münster. Für viele sind Werkstätten der Ort, an dem sie Tagesstruktur, soziale Kontakte und pädagogisch-therapeutische Begleitung finden. Gerade für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf sind sie ein stabiles Angebot, das Familien und Kommunen entlastet. Hier haben wir bis heute leider keine Alternative.

 

Die größten Herausforderungen

Mosaik Magazin Plus: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Prof. Dr. Greving: Da gibt es mehrere Ebenen:

  • Die Entlohnung: Sie ist schlicht nicht angemessen und steht im Widerspruch zu den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention.
  • Fehlende individuelle Übergangsmodelle: Junge Menschen kommen oft direkt aus der Schule in die Werkstatt, ohne echte Wahl. Zugleich werden Arbeitgebern, die Menschen mit Beeinträchtigung einstellen wollen, viele Hürden in den Weg gelegt – bewusst oder unbewusst.
  • Der rechtliche Status: Werkstattbeschäftigte arbeiten nach Sonderregeln, die ihre Teilhabechancen einschränken. Oft können sie nur die Tätigkeiten ausführen, die die Werkstatt in ihrer Nähe anbietet – unabhängig von ihren eigenen Ideen und Talenten.
  • Das Finanzierungssystem: Es stabilisiert bestehende Strukturen, statt Innovation zu fördern, statt Innovation zu fördern. Damit fehlen Anreize, neue Wege zu gehen.
     

Mosaik Magazin Plus:  Wo könnten Werkstätten ansetzen, um sich weiterzuentwickeln? 

Prof. Dr. Greving: Wir brauchen mehr individuelle Modelle. Zum Beispiel Supported Employment, persönliche Budgets, Traineeprogramme zwischen Schule, Werkstatt und erstem Arbeitsmarkt. Werkstätten können hier Übergangsagenten sein. 


Vision 2045: Wie sieht die Zukunft aus?

Mosaik Magazin Plus: Wie sieht die Zukunft der Werkstätten aus? Wird es sie auch in zwanzig Jahren noch geben? 

Prof. Dr. Greving: Ich glaube, Werkstätten wird es weiterhin geben, aber sie werden anders aussehen. In zwanzig Jahren wird es hoffentlich ein Nebeneinander geben: 

  • kleinere, spezialisierte Werkstätten als Dienstleister oder Inklusionsagenten, die sich auf Qualifizierung und Übergänge konzentrieren; 
  • sehr unterstützende Angebote für Menschen mit hohem Hilfebedarf
  • und schließlich ein stark ausgebautes Angebot an begleiteten Arbeitsplätzen außerhalb der Werkstatt, die dann tatsächlich auch zum ersten Arbeitsmarkt führen. 
     

Mosaik Magazin Plus: Warum fällt die Veränderung des bestehenden Systems so schwer? 

Prof. Dr. Greving: Weil das System groß und träge ist. Mit Werkstätten wird viel Geld verdient. Die großen Wohlfahrtsverbände sind schwerfällig. Außerdem haben Menschen mit Beeinträchtigungen keine Lobby. Politisch bringt das Thema keine Stimmen. Solange das so bleibt, fehlt der Druck zur Veränderung. 
 

Mosaik Magazin Plus:  Was müsste sich ändern – politisch und gesellschaftlich? 

Prof. Dr. Greving: Die UN-Behindertenrechtskonvention müsste endlich konsequent umgesetzt werden. Die Finanzierung muss so gestaltet sein, dass Inklusion nicht teurer oder riskanter ist als der Werkstattplatz. Arbeitgeber brauchen klare Zuständigkeiten und Unterstützung. Wir brauchen eine neue Finanz- und Bildungsstruktur, verbindliche Übergangsprogramme und eine gerechte Entlohnung. Menschen müssen kommen und gehen können. Ohne Angst, etwas zu verlieren. Werkstätten können viel – wenn sie ihre eigentlichen Aufgaben ernst nehmen: Sie sind Brückenbauer, Dienstleister, Lernorte. Aber sie dürfen keine Endstation sein.

 

Ein Appell an Träger wie Mosaik

Mosaik Magazin Plus: Was raten Sie Trägern wie Mosaik?

Prof. Dr. Greving: Bleiben Sie authentisch und verlässlich. Prüfen Sie, ob Ihre Arbeit den Menschen dient – strukturell, finanziell und methodisch. Investieren Sie in Übergänge, in Weiterbildung, in faire Löhne. Etablieren Sie echte Mitbestimmung. Entwickeln Sie Partnerschaften mit Betrieben des ersten Arbeitsmarkts. Gehen Sie weg von der Fürsorgelogik, hin zu Teilhabe und Inklusion. Bildung und Entwicklung müssen in Werkstätten selbstverständlich sein. Und vor allem: Bauen Sie Brücken, keine Mauern – in Ihren Strukturen und in den Köpfen.

 


 

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